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Kompetenznetzwerk Schule


Thüringer Erklärung zur Lehrergesundheit - Abschlussprotokoll des 3. Thüringer Lehrertages des tlv thüringer lehrerverband

 

Das Berufsbild eines Pädagogen ist von jeher geprägt von hohen Ansprüchen und großer Verantwortung. Enorme Belastungen- vielfach verschärft durch soziale, organisatorische und materielle Bedingungen- gehen mit der Berufsausübung einher. Kaum eine andere Berufsgruppe steht so im Licht der Öffentlichkeit.

 

Wir beobachten mit großer Sorge, dass sich Kolleginnen und Kollegen zunehmend den Übererwartungen nicht mehr gewachsen sehen und gesundheitlichen Schaden nehmen. Wir wehren uns gegen ständige Verschlechterungen der Arbeitsbedingungen und überstürzte Reformen, die auf dem Rücken von Schülern und Lehrern durchgeführt werden.

 

Wir unterstützen sinnvolle Veränderungen auf der Grundlage wissenschaftlicher Untersuchungen zur Lehrerbelastung und ihrer Auswirkung und fordern deshalb eine entsprechende Studie für Thüringen. Wir warnen vor einer falschen Sparpolitik an den Schulen. Das Schul- und Bildungswesen in Deutschland und Thüringen ist deutlich unterfinanziert. Bildung muss von allen in Politik und Gesellschaft als die entscheidende Investition in unsere Zukunft begriffen werden.

 

Wir Pädagogen brauchen die Unterstützung der Politik, der Eltern und der Öffentlichkeit. Unsere Schulen brauchen eine bessere personelle und finanzielle Ausstattung. Wer sie verweigert, gefährdet die Leistungsfähigkeit unserer Schulen sowie die Qualität von Bildung und Erziehung. Damit schadet er der Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft.

 


1. Ansehen und Stellung der Lehrerinnen und Lehrer, Erzieherinnen und Erzieher und Sonderpädagogischen Fachkräften in der Gesellschaft

 

Lehrerinnen und Lehrer sind Experten für Bildung und Erziehung. Wir können unsere Aufgaben nur dann erfüllen, wenn Politik und Öffentlichkeit ihrer Verantwortung gegenüber dem Bildungswesen und den pädagogischen Berufen gerecht werden. Der wachsende Druck führt zu Demotivation und zur Gefährdung der Gesundheit. Die Attraktivität des Lehrerberufes ist inzwischen gering. Schon bald stehen wir in einigen Schularten und Schulfächern vor einem eklatanten Lehrermangel.

 

Wir Lehrerinnen und Lehrer fordern: Alle politisch und gesellschaftlich Verantwortlichen stehen in der Pflicht, unsere pädagogische Arbeit zu unterstützen. Alle müssen die herausragende Bedeutung von Bildung und Erziehung für jedes einzelne Kind wie für das Gemeinwesen anerkennen. Hierbei übernehmen Lehrerinnen und Lehrer die zentrale Rolle. Wir appellieren an Politik und Gesellschaft, das Ansehen pädagogischer Berufe zu schützen, damit ausreichend motivierter Nachwuchs gewonnen werden kann.

 


2. Rahmenbedingungen von Schule und Unterricht bringen Bildungsqualität zum Ausdruck

 

Zulasten der Bildungsqualität wurden in den letzten Jahren Unterrichtsstunden gestrichen und Fächer zusammengefasst. Die Klassen- und Gruppenstärken werden an vielen Schulen größer statt kleiner. Die notwendige Individualisierung und Differenzierung des Unterrichts kann kaum stattfinden. Mehr Eigenverantwortung für die einzelne Schule wird zwar zugestanden, bedeutet aber gleichzeitig Mehrarbeit ohne angemessene Entlastung. Das Prinzip der Budgetierung ist vor allem ein verkapptes Sparkonzept. Schulentwicklung ist zeit- und personalintensiv. Sie erfordert zusätzliche finanzielle und personelle Ressourcen.

 

Wir Lehrerinnen und Lehrer fordern: Pädagogen sind von allem zu entlasten, was „Kerngeschäft Schule“ belastet. Durch Schülerrückgang freiwerdende Ressourcen im Schulbereich müssen zur Verbesserung der Rahmenbedingungen ( Klassenfrequenz, Unterrichtsentlastung, ...) pädagogisch sinnvoll eingesetzt werden. Wir fordern angemessene Zeit und Raum für Schulentwicklung. Kontinuität und Stabilität in der Arbeit der Pädagogen müssen im Mittelpunkt stehen.

 


3. Nur gesunde Pädagogen sind gute Pädagogen Schule ist mehr als Unterricht!

 

Wissenschaftliche Untersuchungen belegen das besonders hohe Beanspruchungspotential eines Pädagogen. Zusätzliche Aufgaben führen zu einer verdeckten Arbeitszeiterhöhung und sind damit eine Ausbeutung unseres pädagogischen Idealismus. Es kommt zu hohen psychischen und physischen Belastungen, die nicht in einem angemessenen Verhältnis zum Beschäftigungsumfang stehen.

 

Wir fordern ein gerechtes Arbeitszeitmodell, das nicht nur den Unterricht, sondern auch schulbezogene Tätigkeiten außerhalb des Unterrichts einbezieht. Wir brauchen günstigere Arbeitsbedingungen und gezielte Maßnahmen des Arbeitsschutzes. Das Arbeitsschutzgesetz und die EG-Richtlinie zum Gesundheitsschutz müssen endlich auch in den Schulen angewendet werden. Wir fordern Hilfe und Entlastungsmöglichkeiten, überzeugende Präventionsstrategien und wirksame Unterstützungssysteme, die sinnvoll vernetzt werden.

 


4. Qualität von Unterricht , eine Frage der Aus- und Fortbildung

 

Universitäre schulferne Ausbildung hat zur Folge, dass viele Lehramtsstudenten erst während ihres Referendariats ihre Eignung für den Beruf hinterfragen. Der Spardruck der Landesregierung führt auch zur Kürzung der Mittel für Fort- und Weiterbildung. Präventionsangebote sind nicht in ausreichendem Maße vorhanden.

 

Wir fordern eine gezielte und an den pädagogisch- psychologischen Anforderungen der Praxis orientierte Ausbildung für Pädagogen, die eine frühzeitige Feststellung der Eignung beinhaltet. Berufsanfänger müssen in den ersten Jahren durch erfahrene Pädagogen begleitet werden. Wir brauchen Fortbildungen, die es den Pädagogen ermöglichen, die Berufsbelastungen besser zu bewältigen.

 


5. Entlastung durch angemessene Arbeitszeitmodelle

 

Eine nicht ausgereifte Personalpolitik verschärft die Belastung der Pädagogen. Bisher angebotene Arbeitszeitmodelle sind nicht allen Kollegen zugänglich und werden nicht als Instrumente zur Erhaltung der Funktionsfähigkeit von Schule genutzt. Gleichzeitig bleibt pädagogischer Nachwuchs aus und deshalb ist eine Überalterung der Kollegien die Folge.

 

Wir fordern Lehrergesundheit als zentrale Führungsaufgabe zu begreifen. Es müssen Modelle entwickelt werden, die der nachlassenden Belastungsfähigkeit vor allem lebensälterer Pädagogen Rechnung tragen. Entlastungsmodelle dürfen nicht zum sozialen Abstieg führen und müssen von Pädagogen aller Schularten genutzt werden können.

 


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Letzte Änderung: 26.01.2012 RSS    | Seite empfehlen | Druckansicht | pdf-Ansicht | Impressum