05/07 2007:
Die Abtreter der Gesellschaft?

Lehrer werden im Klassenzimmer bedroht, verprügelt oder im Internet zum Gespött gemacht.

 

Gewalt gegen Lehrer ist ein Tabu-Thema. Betroffene Lehrer schweigen, die Schulen melden Vorkommnisse häufig nicht, weil es um Schülerzahlen und damit um Existenzen geht. Der Vorsitzende des Thüringer Lehrerverbandes, Rolf Busch, geht von einer hohen Dunkelziffer aus. Er fordert, mit dem Thema offener umzugehen.

 

Ist Gewalt gegen Lehrer ein neues Problem oder eines, das die Medien jetzt erst entdeckt haben? Sind Ihnen in Thüringen Fälle bekannt?

 

Mir sind Fälle bekannt. In einem Fall beispielsweise – er liegt schon etwas zurück – sind zwei Lehrer eingeschritten, als sich Schüler auf dem Schulhof geprügelt haben. Eine Kollegin wurde von einem Schüler verletzt. Am Ende hatte sie eine Anzeige von den Eltern auf dem Tisch. Heute kann man sich an jeden Paragrafen halten, Klassenkonferenzen einberufen, die Eltern vorher informieren und trotzdem steht der Anwalt vor der Tür. Es steht immer der Generalverdacht im Raum, dass die Lehrer ihre Macht ausnutzen.

 

Sie haben verbale Attacken angesprochen. Wo beginnt Gewalt?

 

Ich halte es mit dem Grundgesetz. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Wenn ein Schüler einen Lehrer beschimpft, um seine Würde herabzusetzen, dann geht es ins Persönliche und Mobbing ist eine Form von Gewalt. Man darf dann nicht sagen: Der lässt sich ja was gefallen. Dann muss er Rückhalt haben.

 

Wo finden Lehrer Rückhalt?

 

Das ist unterschiedlich. Nach dem Amoklauf am Gutenberg-Gymnasium, der gegen Lehrer gerichtet war, haben wir gespürt, dass mit unserer Berufsgruppe etwas rücksichtsvoller umgegangen wurde. Aber es ist trotzdem immer noch so, dass Lehrer sich eine Menge gefallen lassen müssen. Und vieles davon kommt gar nicht ans Tageslicht. Ich gehe davon aus, dass viele dieser Vorfälle nicht einmal in der Schule diskutiert werden.

 

Die Lehrer schweigen?

 

Ja. Dafür gibt es mehrere Erklärungen: Wenn etwas nicht klappt, betrachten sich viele Lehrer selbst als gescheitert. Ein Arzt beispielsweise hat schon in der Ausbildung gelernt, dass er Menschen heilen kann und heilen soll, aber auch, dass es Menschen gibt, die er nicht heilen kann. Diese Menschen hat er in Würde zu begleiten. Ein Lehrer gilt hingegen immer als gescheitert, wenn er mit einer Klasse oder einem Schüler nicht zurechtkommt. Die Möglichkeit, dass der Lehrer alles richtig macht und trotzdem mit dem Kind nicht klarkommt, wird überhaupt nicht in Betracht gezogen. Insofern ist es immer ein Scheitern. Die Schulen machen solche Vorfälle nur selten öffentlich, weil es um Schülerzahlen und die Existenz von Schulen geht. Aber das Verschweigen hilft auch nicht. Gewalt gegen Lehrer darf kein Tabu-Thema mehr sein. Ich bin überzeugt, dass die Dunkelziffer hoch ist. Weil die Hemmschwelle so groß ist, haben wir das Thüringer Lehrerforum eingerichtet. Es ist ein bundesweit existierendes, in dem wir mitarbeiten. Wenn ein Lehrer Probleme hat, kann er sich dort anonym und rund um die Uhr den Rat von Kollegen einholen.

 

Müssen Vorfälle gemeldet werden?

 

Besondere Vorkommnisse, wie es bürokratisch heißt, müssen dem Schulamt gemeldet werden. Was aber ein besonderes Vorkommnis ist, entscheidet der Schulleiter.

 

Werden angehende Lehrer auf solche Situationen vorbereitet?

 

In der Lehrerausbildung spielen solche Situationen kaum eine Rolle. Die angehenden Lehrer werden nicht ausreichend darauf vorbereitet. In anderen Berufen hat man Vorstellungen, was auf einen zukommt. Viele Lehrer haben diesen Beruf gewählt, weil sie Kinder mögen, aber sie haben nicht geahnt, dass teilweise Kinder vor ihnen sitzen, die genau das nicht wollen, was der Lehrer will. Man muss über Eignung nachdenken und die jungen Leute auf das vorbereiten, was auf sie zukommt. Wir haben ein Instrument entwickelt, einen Fragenbogen überschrieben mit „Fit für den Lehrerberuf?“. Lehramtsinteressenten können ihre Voraussetzungen überprüfen. Gehen sie beispielsweise gerne auf Menschen zu? Hält die Stimme auch durch, wenn ich mehrere Stunden laut reden muss? Über diese Dinge werden sich oft keine Gedanken gemacht.

 

Halten Sie Eignungstests für angehende Lehrer für sinnvoll?

 

Es ist nicht so, dass wir zu viele Lehrer haben. Der Job ist auch nicht besonders lukrativ. In Finnland beispielsweise werden nur die Besten eines Jahrgangs Lehrer. Dort ist der Job gesellschaftlich anerkannt und finanziell nicht uninteressant. Wenn aber der Eindruck entsteht, der Lehrer ist so etwas wie der Abtreter der Gesellschaft, darf man sich nicht wundern, wenn die Besten sagen, ich suche mir einen Job, der anerkannter und besser vergütet ist. Eignungstests im Ausschlussverfahren halte ich nicht für sinnvoll, wohl aber Tests, um die Eignung erst einmal festzustellen.

 

Hat sich das gesellschaftliche Ansehen des Lehrers beziehungsweise des Lehrerberufs verändert?

 

Ja, erst einmal hin zum Negativen, aber wir beobachten zurzeit, dass sich das Bild wieder zum Positiven wandelt. Die Öffentlichkeit erkennt langsam, dass es nichts bringt, Aussagen über schlechte Lehrer, die es zweifelsohne auch gibt, zu verallgemeinern. Die Studie zur Lehrergesundheit hat gezeigt, dass es – wie in jeder Berufsgruppe – diejenigen gibt, die sich schonen. Es gibt auch die, die mit gesundem Engagement arbeiten. Und es gibt die beiden Risikogruppen, zu denen nach den Studien-Ergebnissen 65 Prozent der Lehrer gehören. Zur ersten Gruppe gehören die, die sich permanent reinknien, aber immer das Gefühl haben, dass das, was sie tun, nicht ausreicht und nicht anerkannt wird. Das sind in Thüringen fast 40 Prozent. Zur zweiten Gruppe gehören die, die eigentlich schon resigniert haben und das Engagement zurückschrauben. Wenn öffentlich Schelte betrieben wird, nehmen das in erster Linie die Risikogruppen auf und nicht die, die man erreichen will. Das Erschreckende bei den Lehrern ist die hohe Anzahl, gerade im Vergleich zu anderen Berufsgruppen. Ich glaube aber, dass wir Schritt für Schritt an einem realistischen Lehrerbild arbeiten.

 

Gehen Lehrer und Eltern heute anders miteinander um?

 

Mit Sicherheit, aber man muss es differenziert betrachten. Ein nicht zu vernachlässigender Teil der Eltern interessiert sich wenig für die Schule und die Unterstützung ihrer Kinder. Es gibt Schulen, die versuchen, die Eltern mit ins Boot zu holen. Dort, wo Eltern und Lehrern zusammenarbeiten, gibt es weniger Probleme. Die Mühe, auf die Eltern zuzugehen und sie zu gewinnen, lohnt sich. Es hat sich ein gesellschaftlicher Wandel vollzogen. Im Lehrer sieht man nicht mehr den Experten für erziehenden Unterricht, sondern denjenigen, der eine Dienstleistung zu vollbringen hat. Und zwar die, dem Kind die Berechtigungsscheine für die Zukunft zu vermitteln. Macht man das nicht nach den Vorstellungen, bekommt man Ärger mit Schülern und Eltern. Zu einer Lehrerin hat eine Mutter gesagt: „Schauen Sie mal, meine Tochter geht seit sechs Jahren zur Schule und kann sich immer noch nicht benehmen.“ Wenn der Schüler nach Hause kommt und erzählt, dass der Lehrer dieses und jenes gemacht hat und die Eltern sagen: „der spinnt doch“ , dann denkt sich der Schüler, dass er – wenn seine Eltern so über Lehrer reden – das auch tun kann.

 

Was sagen Sie zu den Internetseiten, auf denen Lehrer bloßgestellt werden? Nur harmlose Schulstreiche?

 

Die Hemmschwelle ist geringer, wenn man anonym etwas ins Internet stellen kann. Ich betrachte es nicht mehr als Streich. Von diesem Problem sind wir im Moment in Thüringen aber noch nicht massiv betroffen. Bei mir sind noch keine Beschwerden angekommen.

 

Haben Lehrer Möglichkeiten, sich zu wehren?

 

Ja, und man muss diese Möglichkeiten auch nutzen. Wenn Konflikte nicht ausgeräumt werden, wird das auch gesundheitliche Folgen haben. Man muss das Problem offen angehen und versuchen, es mit Schulleitung und Beratungslehrern zu lösen – wenn man es denn auf dieser Ebene noch lösen kann. Ist das nicht mehr der Fall, muss man sich professionelle Hilfe holen. In den Schulämtern gibt es die schulpsychologischen Dienste. Es ist aber schwierig, einen Termin zu bekommen. Deswegen haben wir das Thüringer Lehrerforum eingerichtet. Dort findet man auch andere Anlaufstellen.

 

Die Möglichkeiten scheinen eher begrenzt zu sein?

 

Ja, sie sind in der Tat begrenzt. Wir hoffen, den Lehrern Werkzeuge in die Hand geben zu können, die sie in die Lage versetzen, solche Probleme selbst zu lösen.

 

INTERVIEW: DIANA UNKART

 

www.thueringer-lehrerforum.de

 


12/06 2007:
Lehrer leiden unter Mobbing

Von Angelika Reiser-Fischer

 

THÜRINGEN. Lehrer werden zunehmend Opfer von Mobbing im Internet. Drohungen, simulierte Hinrichtungen, Hineinkopieren von Lehrergesichtern in Pornofotos und andere Diffamierungen seien bundesweit keine Seltenheit, kritisierte gestern der Deutsche Philologenverband. Dem Thüringer Lehrerverband hingegen ist derzeit kein einziger solcher Fall bekannt. Lehrer hätten überhaupt noch nie um juristische Hilfe nach derartigen Vorkommnissen gebeten. Das hieße zwar nicht, dass es diese Dinge hier nicht gäbe, doch sind Thüringer Schüler nach dem Massaker am Erfurter Gutenberg-Gymnasium womöglich sensibler als in anderen Ländern, sagte der Vorsitzende Rolf Busch TA.

 

TA vom 12.06.07


22/08 2006:
"Faustlos" an 100 Schulen

Gewaltdelikte an Bildungseinrichtungen des Landes sind deutlich zurück gegangen

Von OTZ-Redakteur Henning Johr

 

An den Thüringer Schulen wird weniger geschlagen, getreten, erpresst, gekifft und was es ansonsten noch an relevanten Straftaten gibt.

 

Ein spezieller polizeilicher Sondermeldedienst belegt, die Zahl der Delikte an den Bildungseinrichtungen ist innerhalb eines Jahres um rund 20 Prozent geschrumpft. Während 2004 insgesamt 533 Straftaten registriert wurden, waren es 2005 nur noch 423. Durch die Bank haben die Zahlen abgenommen. Bei Sexualtaten von 13 auf acht, bei so genannten Taten gegen die persönliche Freiheit von 509 auf 406, bei gefährlicher Körperverletzung von 102 auf 67, bei leichter Körperverletzung von 298 auf 225, beim Handel mit Rauschgiften von 31 auf 28, bei den Staatsschutzdelikten von 43 auf 42 und bei Erpressung von neun auf acht. Die Ausnahme bildet lediglich die Rubrik Nötigung/Bedrohung, bei der im vorigen Jahr mit 102 Delikten zehn Prozent mehr als vor Jahresfrist erfasst wurden.

 

Nach Angaben des Kultusministeriums gibt es seit vielen Jahren eine konstante Rangfolge der Aggressivitätsquoten. Dabei sind die Hauptschulen mit deutlichem Abstand am höchsten belastet. Danach kommen Förderschulen, Realschulen, Gym- nasien und Grundschulen. Die hohe Gewaltbereitschaft geht immer nur von einem zahlenmäßig kleinen Schüleranteil aus. Und der stammt aus einem Umfeld, wo Gewalt zur "normalen Umgangsform" gehört. Zum Beispiel in der Familie oder im Freundeskreis. "Gewalthandeln ist in hohem Maße erlerntes Handeln", schlussfolgerte Kultusminister Jens Goebel (CDU).

 

Ob auf den Schulhöfen von Gera mehr geprügelt wird als in Erfurt oder ob die Schulen in Jena sicherer sind als in Nordhausen, darüber kann das Fachressort keine Angaben machen. Eine statistische Erhebung nach Landkreisen oder kreisfreien Städten erfolgt nicht, wurde dem CDU-Landtagsabgeordneten Michael Panse auf eine entsprechende Anfrage mitgeteilt.

 

Aus dem Sondermeldedienst der Polizei liest Detlef Baer, Sprecher des Kultusministeriums einen erfreulichen Trend ab: "Die Fakten zeigen, das die Fortbildungsangebote für die Lehrer und die Präventionsprogramme ein Stück weit fruchten". Baer kann auch sofort mit einem halben Dutzend Projekten dienen: So dem Programm "Faustlos", an dem sich etwa 100 Grund- und Sonderschulen beteiligen. Etwa die gleiche Zahl von Bildungseinrichtungen beteiligt sich an der Qualifikation von Schülern zu Streitschlichtern. Beim Buddy-Konzept, das an weiterführenden Schulen angeboten wird, geht es um soziale Kompetenzen sowie um ein kooperatives und produktives Klima unter den Schülern. Das Projekt "Juregio" soll unter den Lehrern Rechtssicherheit im Umgang mit Gewalt, Drogen und Extremismus im Schulalltag fördern.

 

Dem Chef des Thüringer Lehrerverbandes, Rolf Busch, fehlt es bei den Präventionsmaßnahmen noch oft genug an ressortübergreifenden Ideen. "Eltern, Polizei, Jugendhilfe oder Justiz müssten das vielfach zu beobachtende Schubladendenken überwinden", wünscht sich der Pädagoge aus Bad Lobenstein. Busch freut sich über die sinkende Gewalt an den Schulen, zweifelt aber gleichzeitig am Wahrheitsgehalt der Statistik. Es gibt eine große Grauzone, verweist er auf den Wettbewerb der Schulen um Schülerzahlen. Da werde ein sauberes Image gebraucht. Außerdem würden Lehrer unterschiedlich mit Gewalttaten umgehen: "Die einen hängen es an die große Glocke, die anderen suchen das vertrauensvolle Gespräch mit dem Deliquenten und mit den Eltern." Härtere Strafen hält der Verbandschef nicht für erforderlich. Was das Schulgesetz vorsieht, sei ausreichend. Noch mehr Strafen würden nicht zu einer besseren Welt führen.

 

Erfreut über den positiven Trend äußerte sich auch der CDU-Bildungspolitiker Volker Emde: "Es schlägt sich nieder, dass sich die Lehrer kümmern", schätzte er ein. Er verweist aber auch auf sinkende Schülerzahlen, was sich in der Statistik bemerkbar mache. Hans-Jürgen Döring (SPD) schlägt in die gleiche Kerbe. Er sei froh, dass es spürbar weniger Gewaltdelikte an den Schulen gibt. Es müsse aber weiter mit den jungen Leuten gearbeitet und viel Aufklärung an den Schulen geleistet werden, sagte Döring.

 

OTZ 22.08.06

 


22/08 2006:
Kommentar: "Strategie beibehalten"

Die Gewalt an den Schulen nimmt ab.

 

Die Eltern wird es freuen, wenn ihre Schützlinge von anderen Kindern oder Jugendlichen in der Schule nicht mehr so häufig terrorisiert werden. Sie wird es freuen, wenn ihren Kindern nicht das Taschengeld oder die Markenklamotten geklaut werden.

Anscheinend haben die zahlreichen Aufklärungs- und Präventionsprogramme gefruchtet. Die Kinder selbst wehren sich vermehrt gegen das Abzocken, die Pädagogen schauen nicht mehr weg, wenn einer ihrer Schutzbefohlenen in der Pause aus irgend einem faden Grund verprügelt wird.

Allerdings sollte die Strategie im Umgang mit gewalttätigen Kindern keinesfalls geändert werden. Noch mehr rechtliche, schulorganisatorische, pädagogische Instrumentarien sind bestimmt nicht erforderlich. In diesem Punkt mag die Landesregierung, die dafür das Geld locker macht, sogar recht haben. Wenn aber auch bei diesem Thema der Rotstift angesetzt werden soll, wird die Freude über abnehmende Gewalt an Schulen bald ein Ende haben.

Und dann müsste für eine wieder freundliche Statistik doppelt so tief in die Tasche gegriffen werden.jo

 

OTZ 22.08.06

 


13/06 2006:
Wir tun genug, um Gewalt an Schulen zu verhindern, sagt die Regierung

 

Die eine Realität – und die andere

 

In Thüringen – schenkt man der Statistik Glauben – ist die Zahl der Fälle von Gewalt an den Schulen gesunken. Das geht aus einer Antwort des Kultusministeriums auf eine Kleine Anfrage hervor. Der SPD-Landtagsabgeordnete Heiko Gentzel wollte von der Landesregierung Auskunft über Gewalt an Thüringens Schulen. Für den Thüringer Lehrerverband sind die Zahlen lange kein Grund, sich auf die Schulter zu klopfen.

 

ERFURT – Rütli – der Name der Berliner Hauptschule ist zum Synonym geworden für Gewalt. Gewalt in der Schule, gegen Mitschüler, gegen Lehrer. Die Lehrer der Rütli-Schule hatten sich vor einigen Wochen Hilfe suchend an die Öffentlichkeit gewandt, um auf die Situation an ihrer Schule aufmerksam zu machen.

 

In Thüringen wurden im vergangenen Jahr knapp 2000 Fälle von Gewalt an Schulen registriert. Im Jahr 2004 waren es noch 2400. Die meisten Gewaltdelikte, heißt es aus dem Kultusministerium, stellen sich „vorwiegend in Gestalt von körperlicher Gewalt dar“ – teilweise verbunden mit Diebstählen. Zudem wurden Sachbeschädigungen registriert und „vereinzelt verbale Gewalt gegen Schüler und Lehrer“.

 

Vorrangig trete Gewalt an Regelschulen und Förderzentren auf. Es handle sich „durchgängig um eine kleine Gruppe von gewaltbereiten Schülerinnen und insbesondere Schülern“. Bundesweit zeige sich seit den 80er Jahren eine konstante Rangfolge der Aggressivitätsquote. Am häufigsten gebe es Gewalt an Hauptschulen, gefolgt von Förderschulen, Realschulen, Gymnasien und Grundschulen. Kinder und Jugendliche neigen eher zu Gewalttätigkeit, wenn sie sie im häuslichen Umfeld beobachten und erleben. „Wo Gewalt Umgangsform in der Familie und im sozialen Umfeld ist, führt dies bei Kindern zu höherer Gewaltbereitschaft und höherem Gewalthandeln.“ Einfluss hat auch der Freundes- und Bekanntenkreis. Wer gewalttätige Freunde hat, ist eher bereit, deren Verhalten nachzuahmen und zu übernehmen. Auch Gewaltdarstellungen in den Medien und deren unkontrollierte, unbegleitete Nutzung können dazu führen, dass Kinder und Jugendliche aggressiv und gewalttätig werden.

 

Um Gewalt an Schulen einzudämmen, existierten, informiert das Kultusministerium weiter, eine Vielzahl von Projekten und Programmen, die sich mit dem Thema beschäftigen. Zudem gebe es einen regelmäßigen Informationsaustausch zwischen Schulen, Schulämtern, der Polizei, den Jugendämtern und den freien Trägern der Jugendhilfe. Mit „nein“ wird die Frage beantwortet, ob die Landesregierung die Notwendigkeit sieht, neue rechtliche, schulorganisatorische oder pädagogische Instrumentarien zu entwickeln, um Schüler besser vor Gewalt zu schützen. „Die Landesregierung hält die Zahl der Präventionsangebote für ausreichend.“

 

Rolf Busch, Vorsitzender des Thüringer Lehrerverbandes (tlv), hält die Projekte und Programme für „eine schöne Sache“. Grundsätzlich. Das Problem sei aber, dass es sich um „Leuchttürme“ handele. Einzelne Schulen beteiligen sich, andere nicht. In der Fläche passiert wenig bis gar nichts. „Die Realität sieht anders aus.“

 

Dass in Thüringen die Zahl der Gewalt-Fälle an Schulen gesunken sei, habe, vermutet Busch, etwas mit der Sensibilisierung nach dem Amoklauf am Erfurter Gutenberg-Gymnasium zu tun. Die Lehrer seien vorsichtiger gewesen, hätten jeden Vorfall gemeldet. „Inzwischen wird das vielleicht wieder lockerer gehandhabt.“ Thüringen liege mit dieser Entwicklung im Bundestrend, denn die Zahl der registrierten Fälle sei auch in den anderen Bundesländern gesunken. Selten gehen Lehrer und Schulleiter offen damit um, wenn es an ihrer Schule Vorfälle mit gewalttätigen Schülern gibt oder gegeben hat. „Die Schulen wollen gut dastehen. Denken Sie an die Schulschließungen in Thüringen.“ Wer traut sich, öffentlich zuzugeben, dass an seiner Schule Lehrer beschimpft oder Schüler verprügelt und ausgeraubt werden? „Ich kann die Reaktion der Schulen verstehen. Aber ich finde es nicht gut“, sagt Rolf Busch.

 

Gewalt sei kein auf die Schule beschränktes Problem, sondern eines der Gesellschaft. Daraus folgt für Busch, dass es die Schule allein nicht lösen kann. Diejenigen, die mit Schülern zu tun haben, besonders mit jenen, die sich auffällig verhalten, gehörten an einen Tisch. Busch beklagt den Informationsfluss, der bisher immer einseitig gewesen sei: Die Schule musste informieren, wurde aber nie informiert. Wenn ein 13-Jähriger zum dritten Mal beim Ladendiebstahl erwischt wird, sollte auch die Schule davon Kenntnis erhalten. Die Lehrer, die Eltern, die Polizei eventuell Schul- oder Jugendamt müssten gemeinsam beraten, wie weiter vorzugehen ist. Bisher erfährt die Schule nichts davon, was manche Schüler außerhalb der Schule treiben. „Wir sollen helfen und unterstützen“, klagt Busch, „und verhungern am ausgestreckten Arm.“ Die Schule sei kein gleichberechtigter Partner, wenn es darum gehe, etwas zu verändern. Würde es diese, von ihm schon lange geforderte Zusammenarbeit der Institutionen geben, hätten zwar auch die Lehrer mehr Arbeit – aber die werde sich auszahlen, ist Busch überzeugt. Der tlv hat eine groß angelegte Lehrerbefragung initiiert. Was die Lehrer am meisten belaste – gehe aus der Umfrage hervor – sei der Umgang mit schwierigen Schülern.

 

Busch hat seine Ideen und Konzepte Ministerpräsident Althaus vorgelegt. Der habe sie auch für gut befunden. Ein paar Wochen später habe es ein Treffen gegeben, unter anderem mit Innenminister Karl Heinz Gasser und Kultusminister Jens Goebel (beide CDU). „Ein Riesenreinfall.“ Ergebnis: Es gebe keinen Handlungsbedarf.

 

Das Kultusministerium formuliert es so: „Über die Enge der Zusammenarbeit zwischen Polizei und Schulen entscheiden die jeweiligen Verantwortungsträger vor Ort. Insofern kann die Landesregierung die Auffassung des Thüringer Lehrerverbandes pauschal nicht teilen, begrüßt aber die Aufforderung zu engerer Zusammenarbeit dort, wo dies aus gegebenem Anlass notwendig erscheint.“(dia)

 


26/04 2006:
Thüringische Landeszeitung Titelseite

 

Runder Tisch an jeder Schule

Lehrerverband: Bessere Vernetzung

 

Erfurt. (tlz/mar) Ein Runder Tisch sollte künftig in jeder Schule den Umgang mit schwierigen und auffällig gewordenen Schülern beraten. Dieses Gremium sollte nach Vorstellungen des Thüringer Lehrerverbandes mit Vertretern der Schule, mit Experten aus Beratungsstellen, gegebenenfalls auch aus Jugendämtern besetzt sein. „Wir brauchen eine bessere Vernetzung im Land", sagte der Vorsitzende des Lehrerverbandes, Rolf Busch, der TLZ. Busch beklagte in einem Interview zum vierten Jahrestag des Gutenberg- Massakers, dass die Schule noch immer bei der Bewältigung derartiger Probleme allein gelassen werde. Er verwies auch darauf, dass in Thüringen Schulpsychologen fehlen. Deren Stellenzahl sei abgebaut worden, beklagte auch der bildungspolitische Sprecher der SPD im Landtag, Hans Jürgen Döring. Die Informationen über schwierige Schüler dürfen keine Einbahnstraße sein", forderte Busch. Die Schulen brauchten auch von anderen Institutionen und Einrichtungen Rückflüsse. Ein von Lehrerverband und Polizeigewerkschaft vereinbartes wegweisendes Modell in dieser Richtung sei im vergangenen Jahr am Widerstand des Thüringer Innenministeriums gescheitert. Die Schulen brauchten mehr Unterstützung von Politikern und Öffentlichkeit, forderte er.


26/04 2006:
Thüringische Landeszeitung - Seite 3

 

"Das Massaker muss ständige Mahnung sein"

Zurückhaltendes Gedenken heute am Erfurter Gutenberg-Gymnasium

Als Zeichen der Zuversicht wertete der Thüringer Ministerpräsident Dieter Althaus (CDU), dass im renovierten Gutenberg-Gymnasium inzwischen wieder der Schulalltag eingekehrt sei. Das Massaker dürfe darüber jedoch nicht in Vergessenheit geraten. "Es muss uns stets eine Mahnung sein." In der Auseinandersetzung mit Hass, Gewalt und Extremismus dürfe niemand wegsehen. "Es ist wichtig, gegen Desinteresse und Ignoranz ein deutliches Zeichen zu setzen - in der Familie, in der Schule, am Arbeitsplatz oder im Verein."

 

Lehrerverband: Zu wenig Psychologen

Die Äußerungen von Althaus stießen beim bildungspolitischen Sprecher der SPD-Fraktion, Hans-Jürgen Döring, auf völliges Unverständnis. "Ich halte derartige pauschale Schuldzuweisungen an Eltern und Lehrer für völlig deplatziert", sagte Döring. Er wies darauf hin, dass 16 zusätzliche Schulpsychologen, die nach der Bluttat am Gutenberg-Gymnasium eingestellt worden waren, nach nur anderthalb Jahren wieder entlassen wurden.

 

Der Vorsitzende des Thüringer Lehrerverbandes, Rolf Busch, beklagte in einem TLZ-Gespräch, dass es beim Umgang mit schwierigen Schülern immer noch an einem gemeinsamen Vorgehen der unterschiedlichen Institutionen mangele. "Informationen dürfen in solchen Fällen keine Einbahnstraße sein", plädierte er für mehr Kooperation zwischen Schule, Jugendämtern und Polizei. Eine solche Vernetzung, von den Lehrern schon seit Jahren in Thüringen angemahnt, fehle immer noch. Ein erster Erfolg versprechender Ansatz mit der Polizeigewerkschaft sei im vergangenen Jahr an der "weltfremden Haltung" von Thüringens Innenminister Karl Heinz Gasser gescheitert. Auch Busch beklagte die mangelnde Ausstattung der Thüringer Schulen mit Schulpsychologen.

 

Land muss sich der Waffenfrage widmen

Von "Pseudokonsequenzen" spricht mit einiger Verbitterung der Links-Politiker Bodo Ramelow, wenn er an die Fragen des Waffenrechts und den Alltag auf Schießplätzen denkt. Er hatte sich damit nach dem Massaker intensiv beschäftigt. Denn der Täter hatte hierzulande den Umgang mit der Waffe erlernt. "Die Pressekonferenz, die ich damals gegeben habe, könnte ich fast genau so wiederholen", erklärte er im TLZ-Gespräch. Die Politik sei zum Handeln aufgerufen, sagte er an die Adresse der Landesregierung. Seine Gedanken gehen an diesem Tag zu den Hinterbliebenen, die sich in aller Stille treffen wollen. Über die Jahre hat er den Kontakt zu ihnen gehalten.

 

 


31/03 2006:
Thüringer Allgemeine

 

Hohe Dunkelziffer

 

Der Thüringer Lehrerverband hat in der Debatte um Gewalt an Schulen mehr Kooperation zwischen Behörden, Schulen und Eltern eingefordert. Lehrer und Direktoren würden bei der Konfliktlösung allein gelassen, so ein Sprecher.

 

ERFURT (TA). Die Verantwortung für gewalttätige Schüler würde ausschließlich den Schulen aufgebürdet, kritisierte Rolf Busch vom Thüringer Lehrerverband (TLV). So sei eine Kooperation mit der Polizei am Widerstand des Innenministers gescheitert, weil dieser "keinen Handlungsbedarf sieht", sagte Busch.

 

Nach Angaben des Thüringer Kultusministeriums meldeten die Schulen im Freistaat im letzten Jahr 150 "besondere Vorkommnisse" mit Schülern. Bei einem Sechstel davon ging es um Körperverletzung, der Rest waren Beleidigungen, Sachbeschädigungen und Sonstiges. Dies sei jedoch "nur die Spitze des Eisbergs", glaubt TLV-Landeschef Busch. Direktoren würden viele Vorfälle gar nicht melden, um den Ruf der Schule nicht zu beschädigen.

 

Richard Schafer von der Bildungsgewerkschaft GEW forderte, Lehrer besser im Umgang mit Konfliktsituationen auszubilden. Lehrer fühlten sich seinen Angaben nach zunehmend überfordert. Solche Probleme mit Schülergewalt wie derzeit an der Berliner Rütli-Schule gibt es in Thüringen laut Kultusministerium jedoch nicht. Dafür fehle es an vergleichbar starken sozialen Brennpunkten.

 

 


06/04 2006:
Lehrerverband fordert mehr Schulpsychologen

Gewalt schwelt auch an Thüringer Schulen

 

Erfurt (OTZ/tz). Der Thüringer Lehrerverband untermauert seine Forderung nach mehr Schulpsychologen. Tendenziell gebe es in Thüringen ähnliche Vorfälle wie an den Berliner Schulen.

"Gewalt an Schulen tritt in Thüringen zunehmend in sozialen Ballungsgebieten, vor allem in den Städten, auf", sagte Susanne Beutel, stellvertretende Landesvorsitzende des Lehrerverbandes. Der Verband hoffe auf mehr Präventionsangebote durch die Polizei und den verstärkten Einsatz von Sozialarbeitern und Schulpsychologen. Bislang habe jeder Schulamtsbezirk nur einen Psychologen. Die Verträge der zwölf nach dem Gutenberg-Massaker eingestellten Psychologen seien alle wieder ausgelaufen.

Das Kultusministerium sieht indes keinen Mehrbedarf. "Zusammen mit den Vertrauenslehrern, die es an allen Schulen gibt, bewältigen die 16 Psychologen alle Fälle", sagte Sprecher Detlef Baer. Im Vorjahr habe es 150 besondere Vorkommnisse an Thüringer Schulen gegeben, darunter 24 Fälle von Körperverletzung. 2004 waren es 40 Fälle von Körperverletzung, 2003 52. Jedoch liege es im Ermessen der Direktoren, welche Fälle gemeldet werden. Die Daten seien daher nicht repräsentativ.

 

06.04.06

 



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