14/12 2006: Kippen vor der Tür
Von Falk HEUNEMANN
Heute wollen die Ministerpräsidenten mit Bundeskanzlerin Merkel ein generelles Rauchverbot in öffentlichen Gebäuden diskutieren. Derweil wachsen die Zweifel, ob sich das überhaupt kontrollieren lässt - gerade an Schulen, die solch ein Verbot schon haben.
ERFURT. Die Grenze liegt zwischen zwei Pflastersteinreihen. Die auf der einen Seite sind glatt, sauber und quadratisch. Nur eine schmale Fuge trennt sie von den anderen: porös sind sie, karoförmig und etwa so groß wie Zigarettenschachteln. Einige Kippen liegen auf dieser Seite. Sie stammen von Jörg*, Sandra* und ihren Freunden.
Nur hier dürfen sie stehen, sagt Jörg und zieht an seiner Zigarette. Ein kleiner Schritt auf die andere, saubere Seite und der 19-jährige Gymnasiast wäre auf verbotenem Territorium: dem Gelände des Erfurter Albert-Schweitzer-Gymnasiums, ein bunter, umgrünter Neubau mitten im Plattenbauviertel Rieth. Seine Schule.
Hier herrscht absolutes Rauchverbot. Auf den glatten Pflastersteinen, den Parkbänken vor dem Eingang und auf den Fluren, für Schüler, Lehrer und Gäste. Kein Raucherzimmer, keine verqualmte Schulhofecke. Und kein einziger Aschenbecher, im ganzen Haus.
Das Schweitzer-Gymnasium ist längst nicht die einzige komplett rauchfreie Schule in Thüringen. Insgesamt 406 der 937 Schulen in Thüringen haben sich in den letzten fünf Jahren zu rauchfreien Zonen erklärt, darunter viele Grundschulen. Damit herrsche in 43 Prozent der Thüringer Schulen nahezu Rauchverbot, heißt es aus dem Kultusministerium.
Alle freiwillig, denn ein gesetzliches Verbot existiert ja nicht. Doch das soll sich, zumindest nach dem Willen von Gesundheitspolitikern, ändern. Sie fordern ein gesetzliches Rauchverbot für alle Schulen.
Mehr als jeder vierte Jugendliche, so die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, greift regelmäßig zur Zigarette. Ihre Erbsubstanz wird eher geschädigt, zudem wachsen sie weniger schnell im Vergleich zu ihren nichtrauchenden Mitschülern. Außerdem sterben sie im Schnitt zehn Jahre früher, an vom Tabak verursachten Krebs, Schlaganfall oder Herzinfarkt.
Dagegen soll im Schweitzer-Gymnasium das Rauchverbot helfen. Trotz aller Widerstände habe man es eingeführt, sagt der Schulleiter des Gymnasiums, Manfred Wohlgefahrt. "Auf Wunsch der Schulkonferenz", wie er betont. Ansonsten erlaubt das Schulgesetz Lehrern sowie Schülern über 16 Jahren Rauchen nur in extra dafür vorgesehenen Zonen.
Zunächst wurde erst das Raucherzimmer für Lehrer abgeschafft, vor zwei Jahren dann auch die Raucherinseln vor dem Eingang. Er selbst, sagt Wohlgefahrt, habe ja gar nichts gegen Raucher, ab und zu greife er selbst zur Zigarre. Doch nur privat, nie in öffentlichen Räumen wie der Schule. Das gefährde nur andere, sagt der 63-Jährige, der selbst nach Schulschluss weiter für ein generelles Rauchverbot kämpft, als CDU-Stadtrat im Erfurter Rathaus.
Nur ein "paar Militante" hätten sich damals gegen den Verbotsbeschluss im Gymnasium gewehrt, so der Direktor: Hausmeister, die Sekretärinnen und neuen Lehrer, aber auch so mancher Besucher abendlicher Veranstaltungen im Schulgebäude, zudem einige Erzieher im hauseigenen Internat. Drei Mütter drohten gar mit einer Klage. Und schließlich waren da die Reinigungskräfte, die in ihren Pausen weiterrauchten. Doch das habe sich erledigt: Inzwischen habe er eine andere Firma mit dem Putzen beauftragt. "Nun sind wir rauchfrei", sagt Wohlgefahrt. Wer dagegen verstößt, dem droht ein langes Gespräch mit dem Schulleiter. Das scheint zu wirken: Ein Verweis war bisher nicht nötig.
Abiturient Jörg hat das nicht schrecken können: "Nun müssen wir eben ein paar Meter weiter laufen." Dort, wo die karoförmigen Pflastersteine liegen. Um die dreißig Schüler versammeln sich nach dem Schulgong auf dem kleinen, windigen Streifen zwischen dem Schulgelände und der Straßenbahnhaltestelle. Vor dem Verbot waren es mindestens dreimal so viele. Ein Dach wie vor den Schuleingängen gibt es hier nicht. Auch keinen Aschenbecher, also landen die Kippen auf dem Boden. Doch nicht nur deshalb hält die 18-jährige Sandra das Verbot für unsinnig. "Das ist doch nur was, womit sich die Schule brüsten will." Sie selbst hat vor einem Jahr mit Rauchen angefangen. Das Verbot habe sie ebenso wenig davon abhalten können wie die Lehrer. "Die können uns nur vom Gelände vertreiben, wenn sie uns erwischen", sagt Jörg. Oder sie rauchen selbst. Dafür zögen sie sich hinter die Turnhalle zurück, berichten zwei 16-jährige Schülerinnen. Damit sie keiner sehen kann. Schon gar nicht der Schulleiter.
Auch andernorts wachsen die Zweifel, ob ein generelles Verbot tatsächlich das Richtige ist. Beim Christlichen Gymnasium Jena, das es 2001 thüringenweit als erstes einführte, hätten sich die Anwohner wegen der Kippen rund um die Schule beklagt, berichtet Schulleiterin Sabine Ulrich. Axel Freyer vom Lehrerverband hält ein generelles Verbot für nicht kontrollierbar - auch wenn, wie Freyer sagt, es sinnvoll wäre, um die Nichtraucher zu schützen.
Auch die Landesschülervertretung findet, dass ein Verbot notwendig, aber auch kaum umsetzbar ist. Deshalb müsse man schon jeder einzelnen Schule selbst überlassen, wie sie das löst, sagt die oberste Schülervertreterin Martha Szabó (17). Sie plädiert für Raucherinseln.
Kultusminister Goebel sieht darum nur die Lehrer in der Pflicht, nicht das Land. Die müssten die Jugendlichen davon überzeugen, dass Tabakkonsum schlecht für sie ist.
Verbote allein hätten sonst nur eine Wirkung: Sie steigern die Versuchung.
* Die Namen wurden geändert..
12.12.2006 Von Falk HEUNEMANN
 Schipanski fordert Rauchverbot an Thüringer Schulen
Die Präsidentin der Deutschen Krebshilfe hat ein Rauchverbot in allen Schulen und öffentlichen Gebäuden gefordert. Zum heutigen Weltnichtrauchertag sagte Dagmar Schipanski, entsprechende Gesetze sollten in den Bundesländern, die sich bisher solchen Regelungen verweigerten, so schnell wie möglich eingeführt werden. Die Landtagspräsidentin appellierte dabei besonders an die CDU-Regierung in Thüringen.
Das Kultusministerum wies den Vorwurf zurück, bisher zu wenig getan zu haben. Sprecher Detlev Baer sagte MDR 1 Radio Thüringen, gesetzliche Verbote seien nicht sinnvoll, weil dann an den Schulen deutlich weniger über die Gefahren des Rauchens diskutiert würde. Besser sei ein freiwilliger Verzicht, der von Lehrern, Schülern und Eltern gemeinsam ausgehandelt werde. Laut Baer haben sich inzwischen rund Zweitdrittel aller weiterführenden Schulen im Freistaat als rauchfrei erklärt.
Auch Rolf Busch vom Thüringer Lehrerverband hat nichts gegen ein Rauchverbot an Schulen, hält dies aber für schwer umsetzbar. Bisher habe es ja selbst der Thüringer Landtag nicht geschafft, die Zigaretten zu verbannen. Immerhin hat das Kabinett gestern beschlossen, dass das Rauchen in Behörden deutlich eingeschränkt werden soll.
zuletzt aktualisiert: 31. Mai 2006 | 13:44
Quelle: MDR 1 RADIO THÜRINGEN
 Flucht zum Hausmeister
Jeder fünfte Schüler über 12 Jahre raucht täglich, jeder zweite greift gelegentlich zur Kippe und selbst fünf Prozent der Schulanfänger haben´s schon probiert. Jeder weiß, wie gefährlich Nikotin ist, aber in Thüringen gibt es kein Durchgreifen, anders als in den meisten Bundesländern, nicht mal im Ansatz: kein Rauchverbot per Gesetz an Schulen.
THÜRINGEN. Wie staunte da Frau Morchner. Ein Zwölfjähriger hielt der stellvertretenden Schulleiterin der Erfurter Regelschule "Thomas Mann" einen Zettel hin. Eltern teilten mit, sie erlaubten hiermit ihrem Kind das Rauchen in der Schule; daheim dürfe es dies ja auch.
Die Sömmerdaer Lehrerin Kornelia Rott hat 30 Jahre geraucht und gewöhnt es sich gerade ab. Sie erlebte schon, dass eine Mutter ihrer Tochter die Zigaretten zur Schule brachte, mit dem Satz: "Nicht dass sie sich welche klaut.
"Im Goethe-Gymnasium Weimar ist zwar das Rauchen verboten. Aber die ab 16 dürfen das Schulgelände in der Pause verlassen und treffen sich hinter dem Schulhof-Zaun.
Keine Frage, es wird an den Schulen gequalmt, was das Zeug hält. Von Schülern wie Lehrern. Daran ändert auch nicht, dass sich 350 der 1064 Thüringer Schulen als "rauchfrei" erklärt haben. Denn es ist nur jede dritte, und die Zahl ist seit Jahren unverändert.
Dennoch will Thüringen kein striktes Rauchverbot an Schulen, denn das würde dann auch Lehrer, Erzieher, Hausmeister voll treffen. Derzeit heißt es im Schulgesetz nur, "das Rauchen ist den Schülern innerhalb der Schulanlage untersagt". Doch lenkt der nächste Satz ein: "Schülern über 16 Jahren erlaubt der Schulleiter . . . an besonders dafür ausgewiesenen Bereichen das Rauchen auf dem Schulgelände." Hier sind die allermeisten Bundesländer viel weiter. Nur Sachsen-Anhalt, Sachsen, Thüringen und das Saarland setzen weiter auf Ermahnen, Selbstverpflichtungen. Auch wenn das neue Thüringer Kindergartengesetz wenigstens das Qualmen bei den Kleinsten verbietet.
In Niedersachsen etwa gilt das Rauchverbot seit Schuljahresbeginn. Lehrer liefen Sturm, Schüler waren empört und bekamen sogar Rückendeckung von Eltern. Argument: Nur ja keine Einschränkung persönlicher Freiheit. Zumal Sanktionen im Falle von Verstößen drohen. Für Schüler geht es bis zum Schulverweis, für Lehrer bis zu Disziplinarmaßnahmen nach Beamtenrecht. Viele drohten zu klagen, die Lehrergewerkschaft GEW unterstützte sie. Getan hat dies bisher aber niemand, sagt das Kultusministerium in Hannover, auch von Bestrafungen weiß man nichts.
Inzwischen spricht die GEW darüber nicht mehr so gern. Kennt aber hübsche Geschichten über Ausweichmanöver der Schulen. So wurde ein Grundstück neben einem Schulhof in Osnabrück von der Stadt "umgewidmet". Es ist nun Raucherinsel für Lehrer, Schüler, Hausmeister, Sekretärinnen. "Das ist pragmatisch, so was begrüßen wir", heißt es. Vis-a-vis einer anderen Schule sollen sich Lehrer eine Wohnung gemietet haben, um sich dort in den Pausen zum Rauchen zu treffen . . .
In Thüringen existieren in dieser Sache die merkwürdigsten Allianzen. Schon 2003 beschloss der Landtag, es solle ein generelles Verbot zum Rauchen in den Schulen her. Einen Gesetzesvorschlag legte das Kultusministerium nie vor.
Vielleicht, weil kein Termin im Text vorkam. Die Thüringer Lehrervertretungen GEW und TLV wollen von einem Verbot per Gesetz auch nichts wissen. Sie verlangen freiwilligen Verzicht und fragen, was Lehrer noch alles kontrollieren sollen: Handys ausgeschaltet, Waffen abgegeben, Rauschgift daheim gelassen? Zuerst solle doch der Landtag bitte im eigenen Haus Lage und Luft klären, sagt TLV-Landeschef Rolf Busch, statt schon wieder die Schule für alles Ungemach verantwortlich machen. Tatsächlich: Der Versuch von Landtagspräsidentin Dagmar Schipanski (CDU) im März 2005, im Ältestenrat ein Rauchverbot im Landtag durchzusetzen, endete in Tumulten, quer durch alle Fraktionen. Inzwischen heißt es aus ihrem Büro, die Vision sei "wohl unrealistisch".
Indes lässt sich der CDU-Abgeordnete und Nichtraucher Michael Panse damit nicht ruhig stellen. Er sagt klar, das Gesetz sei bisher an der Behäbigkeit des Kultusministeriums gescheitert. Zufrieden wäre er schon, wenn im Schulgesetz jener Satz gestrichen würde, der Rauchern das Flucht-Türchen weist: "Schülern über 16 Jahren erlaubt der Schulleiter . . . " Panse sieht aber auch Unlust in Lehrerzimmern, sich im Kollegium auseinander zu setzen und dann noch mit Eltern, Schülern. Schließlich, es macht Mühe.
Der Erfurter Schulleiter und CDU-Stadtrat Manfred Wohlgefahrt weiß das nur zu gut. Als 2004 an seiner Schule, dem Albert-Schweitzer-Gymnasium, Rauchverbot eingeführt wurde, waren nicht nur viele Lehrer sauer. Drei Mütter drohten mit dem Gericht. Vor allem waren die städtischen Mitarbeiter außer sich: der Hausmeister, die Sekretärinnen, Erzieher aus dem angeschlossenen Internat. Sie beklagten sich bei der Stadt. "Ich bin böse beschimpft worden", sagt Wohlgefahrt. Qualmende Kollegen flüchteten in die Werkstatt ihres Leidensgenossen, des Hausmeisters.
Inzwischen ärgert sich Wohlgefahrt nur noch über Gäste, die in seinem Haus qualmen. Der Hausmeister raucht auch nicht mehr.
Von Angelika REISER-FISCHER
30.05.2006

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