Nach Pisa nichts dazugelernt
TA 18.11.06 Titelseite
Rund 40 Prozent der Zehntklässler in Deutschland haben seit der neunten Klasse nichts dazugelernt - so das Fazit neuer Test-Ergebnisse. Pädagogen und Landesregierung warnen, die Daten überzubewerten.
BERLIN/ERFURT. Insgesamt wurden für die aktuelle Erhebung, die lediglich in Deutschland stattfand, 4353 Schüler in 194 zehnten Klassen an Gymnasien und Realschulen in den Fächern Mathematik und Naturwissenschaften getestet. Dabei wurden nur die Klassen einbezogen, die bereits am vorherigen Pisa-Test teilgenommen hatten, um so die Lernzuwächse der 15-Jährigen in einem Schuljahr zu ermitteln.
Demnach stagnierte rund ein Drittel der Schüler in den Mathematik-Leistungen, acht Prozent verschlechterten sich sogar, informierte der Leiter des deutschen Pisa-Konsortiums, Prof. Manfred Prenzel. Bei den Naturwissenschaften sehe es noch schlechter aus. Als Gründe dafür nannte Prenzel "unstrukturierte und nur wenig geistig anregende Unterrichtsformen".
Mit Sorge und Enttäuschung, aber auch mit Skepsis reagierten Bildungspolitiker und Pädagogen auf die gestrigen Pisa-Ergebnisse. Als "Besorgnis erregend" stufte die Bundesregierung die aufgezeigten Mängel ein. "Nicht sehr schmeichelhaft für den Lehrer-Berufsstand", so der Sprecher der SPD-regierten Länder, Wolfgang Meyer-Hesemann. Die individuelle Förderung der Schüler müsse verbessert und längeres gemeinsames Lernen ermöglicht werden.
Rolf Busch vom Thüringer Lehrerverband forderte die Kultusminister auf, endlich einen nationalen Bildungsplan zu formulieren. Vor allem sollten sie ihre "Testeritis" beenden, kritisierte er gegenüber dieser Zeitung: Auch ein Bauer ändere nichts an seinen Schweinen, wenn er sie mehrmals am Tag wiegt.
Vor voreiligen Schlussfolgerungen aus der Studie warnte Heinz-Peter Meidinger, Vorsitzender des Deutschen Philologenverbandes, der Vereinigung der Gymnasiallehrer. Er sprach sich gegen schnelle Schuldzuweisungen aus. Die Ursache für den Lern-Stillstand liege nicht nur bei den Lehrern und bei deren Unterrichtsmethoden, sagte Meidinger.
Als "erschreckend" bezeichnete der SPD-Landtagsabgeordnete Hans-Jürgen Döring die aktuellen Pisa-Ergebnisse. Sie würden verdeutlichen, dass das gegliederte Schulsystem kaum leistungsfähig und international nicht konkurrenzfähig sei, sagte der bildungspolitische Sprecher der SPD. Die Landesregierung solle ihre "ideologische Blockadehaltung" aufgeben und die Schüler bis zur achten Klasse gemeinsam lernen lassen, kritsierte er.
Aus dem Kultusministerium hieß es dazu: Man sei zwar mit den jüngsten Ergebnissen nicht zufrieden, allerdings dürfe man sie auch nicht überbewerten. In Thüringen sind für die Studie bereits vor zwei Jahren nur 130 Schüler befragt worden.
17.11.2006 Von Falk HEUNEMANN
 Durchwachsenes Zeugnis
TA 18.11.06
Vom "neuen Pisa-Schock" spricht die Opposition, die Landesregierung findet die Ergebnisse der neuesten Pisa-Sonderstudie "enttäuschend". Wobei, so neu ist das alles gar nicht.
ERFURT/BERLIN. Nein, sagt Rolf Busch vom Thüringer Lehrerverband, so richtig überrascht hätten die Ergebnisse nicht. Die Schulen seien wie riesige Dampfer. "Da dauert ein Kurswechsel lange, selbst wenn wir kräftig rudern."
Dennoch, die Zahlen der deutschen Pisa-Sonderstudie sind ernüchternd: Nur 60 Prozent der Schüler haben innerhalb eines Jahres in Mathematik und Naturwissenschaften etwas gelernt. Ein Drittel stagnierte und acht Prozent konnten sogar noch weniger als in der neunten Klasse. Das liege vor allem am starren Unterricht, heißt es in der Studie.
Und: Jungs werden gegenüber Mädchen im Unterricht benachteiligt. So zeigen Jungs bei Pisa zwar deutlich bessere Fähigkeiten in Mathe, Chemie oder Physik, von den Lehrern erhalten sie aber keine besseren Noten als ihre Mitschülerinnen.
6020 Schüler waren 2004 für " Pisa-I-Plus" repräsentativ befragt worden, darunter rund 130 in Thüringen. Sie alle hatten ein Jahr zuvor an der Pisa-Studie 2003 als Neuntklässler teilgenommen. Nun wollten die Kultusminister wissen, ob sich die Leistungen der inzwischen Zehntklässler verändert haben. Getestet wurde allerdings nur in Gymnasien und Realschulen, nicht in Hauptschulen. Letzteres sei nicht möglich gewesen, da in den meisten Ländern die Hauptschule mit der neunten Klasse ende. Die wegzulassen war wohl Absicht, vermutet hingegen Marianne Demmer von der Lehrergewerkschaft GEW, damit die Ergebnisse nicht schlechter ausfallen.
Dabei haben die Forscher auch so eine Menge zu kritisieren: "In einem hohen Maße lehrergeleitet und variationsarm" sei der Unterricht in Deutschland, heißt es. Entweder, der Lehrer predigt an der Tafel, oder die Schüler müssen leise Aufgaben lösen. Keine Projektarbeit, keine selbstständigen Problemlösungen oder sonstige neuen Ansätze. Mehr Abwechslung, aktivere Lehrer und individuelle Förderung verlangten gestern deshalb Bildungspolitiker im Chor. Das können sie inzwischen gut. Denn neu sind ihre Forderungen ebenso wenig wie die jüngste Pisa-Kritik.
Das war vor sechs Jahren noch anders, als die allerersten Pisa-Ergebnisse veröffentlicht wurden. "Pisa" steht für "Programme for International Student Assessment", also ein internationaler Vergleich von Schülerleistungen. Er wird von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) weltweit durchgeführt.
Vor allem in Deutschland löste Pisa zunächst einen Schock aus. Denn der selbst ernannten Heimat der Dichter und Denker wurden massive Defizite attestiert: Schüler lernen nur auswendig statt selbstständig Probleme lösen zu können, sie wissen weniger als in anderen Ländern. Chancen auf einen hohen Bildungsabschluss hat vor allem, wer aus gutem Hause kommt - und nicht, wer gute Leistungen bringt, erst Recht, wenn er Ausländer ist. In allen Kategorien landete Deutschland in der Schlussgruppe.
Dem Schock folgte ein jahrelanger Aktionismus: Bildungspolitiker pilgerten in die Siegerländer Finnland, Kanada und Neuseeland, Parlamente diskutierten Reformen, Lehrer wurden in Scharen auf Fortbildungen geschickt. Die Lektionen: Die Schultypen sollten durchlässiger und Schüler indivdueller gefördert werden. Auch sollte es abwechslungsreicheren Unterricht geben, fachübergreifend und in Projektgruppen.
Viel angekommen ist davon freilich noch nicht in den Schulen. Auch wenn es erste Projekte gibt, wie das Programm " Sinus-Transfer" oder "Eule", bei dem Lehrer moderne Unterrichtskonzepte lernen und trainieren sollen. 120 Schulen aus Thüringen machen dabei mit.
Zwischendurch wird kräftig getestet. Hilfreich sind die Untersuchungen dabei längst nicht immer, wie auch diese Pisa-I-Plus-Studie. Die stammt nämlich aus dem Jahr 2004.
Nach all den Bildungsreformen lässt sich da nicht mehr sagen, ob man nun noch mehr ändern muss oder vielleicht sogar schon zu weit in die falsche Richtung gegangen ist.
Das wird wohl frühestens der nächste richtige, weil weltweite, Pisa-Test zeigen. Der wurde im April 2006 durchgeführt. Erste Ergebnisse sollen aber erst Ende 2007 vorliegen.
17.11.2006 Von Falk HEUNEMANN

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