03/03 2008: In Zeitnot
Von Angelika REISER-FISCHER
Das Gymnasium ist im Dauerstress. Unterricht, Zensuren, Klassenarbeiten. . . Nun sollen Lehrer, Eltern, Schüler noch sagen, was sie von der geplanten Reform dieser Schule ab Klasse 5 halten. Und die Zeit drängt.
THÜRINGEN. Vorschläge erbeten. Aber nur bis Mitte, höchstens Ende Mai. Kultusminister Jens Goebel (CDU) ließ Ende Januar keinen Zweifel, dass es eilt. Denn im Schuljahr 2009/10 sollen erstmals Fünftklässler nach dem neuen Modell unterrichtet werden. Die Kurzfassung: Es wird in Klasse 5 und 6 ein neues Fach eingeführt, Mensch- Natur-Technik. Dafür fällt Biologie weg. Hintergrund ist die Klage der Wirtschaft, es gäbe in Deutschland perspektivisch zu wenig Ingenieure. Neu wird auch sein, dass alle Schüler ab 5. Klasse eine zweite Fremdsprache lernen sollen.
Inzwischen gibt es an das Kultusministerium ein erstes Echo. Es spricht jedoch von "nur vereinzelten Meldungen". Doch in den Lehrerzimmern geht es hoch her. Und nicht nur dort.
Dr. Wolfgang Beese, Fachleiter am Studienseminar für die Lehrerausbildung in Erfurt und somit Fachmann, hat dem Hause Goebel seine Ansicht in klaren Worten mitgeteilt: "Man muss sich fragen, ob die beabsichtigte Degradierung der Biologie unsere Gymnasien künftig noch in die Lage versetzt, die gerade erst verabschiedeten Bildungsstandards für das Fach . . . realisieren zu können", schreibt er. Ob sich an den Neuerungen noch was ändern lässt? Nach den Erfahrungen mit der Reform zur gymnasialen Oberstufe hat er wenig Optimismus.
Irritiert bis sauer reagiert auch der Schulleiter des Erfurter Albert-Schweitzer-Gymnasiums Manfred Wohlgefahrt. Er freut sich über das geplante Fach gar nicht, obwohl seine Schule mathematisch-naturwissenschaftlich ausgerichtet ist. "Wer soll es eigentlich unterrichten?", fragt er. Nicht einer seiner Lehrer sei dafür ausgebildet. Und nicht nur das. Es gäbe auch keine Lehrpläne, keine Bücher.
Der Landeschef des Lehrerverbandes Rolf Busch, selbst Mathematik- und Physiklehrer, stellt genau die selben Fragen. Dringend müssten die Lehrpläne ausgemistet werden. Immer nur mehr Stoff, so gehe das nicht. Aber in den Fachgremien säßen alles nur Leute, von denen jeder einzig für sein Fach streiten würde. Und wer am lautesten fordere und kämpfe, gewinne dort.
Dabei war absehbar, dass es am Gymnasiun Veränderungen geben würde, nun in den unteren Klassen, nachdem zuerst die Oberstufe reformiert wurde. In größter Eile.
02.03.2008
 27/03 2007: Die Spezialisierung wird zurückgedreht
Reform der gymnasialen Oberstufe in der „heißen Phase“
Von Hartmut Kaczmarek
Erfurt.(tlz) „Positiv ist, dass die Allgemeinbildung Vorrang vor der Spezialisierung haben soll.“ Rolf Busch, der Vorsitzende des Thüringer Lehrerverbandes, ist froh, dass das Kultusministerium jetzt eine breite Diskussion in Thüringen über die Zukunft der gymnasialen Oberstufe losgetreten hat. „Aber ohne Spezialisierung geht auch nichts“, so Busch. Die demografische Entwicklung hat Kultusminister Jens Goebel (CDU) zum Handeln gezwungen – ein Jahr zu spät, wie Busch allerdings kritisch anmerkt.
Die rückläufigen Schülerzahlen der Geburtsjahrgänge nach der Wende erreichen jetzt die gymnasiale Oberstufe in Thüringen. Das bisherige Kurssystem funktioniert aber nur, wenn mindestens 40 Schülerinnen und Schüler eines Jahrganges die Schule besuchen. Sonst kann man nicht ausreichend Wahlmöglichkeiten anbieten. Aus diesem Dilemma gibt es zwei Auswege: Entweder schließt man eine Reihe von Gymnasien und gefährdet damit das flächendeckende Angebot und mutet den Schülern lange Fahrtwege zu. Oder aber man geht eine inhaltliche Reform der Oberstufe an. Für diesen Weg hat sich Goebel entschieden. Und er findet dabei viel Rückhalt bei Eltern, Lehrern – aber auch in der Politik. Nur die Schüler hat er noch nicht mit ins Boot holen können. „Wir werden versuchen, sie zu überzeugen“, sagt Goebels Sprecher Detlev Baer.
Seit etwa vier Wochen läuft die Debatte in Thüringen, mit einer erstaunlich positiven Resonanz, wie man im Kultusministerium bilanziert. In den nächsten Wochen will man Nägel mit Köpfen machen: Am 27. März spricht die Ministeriumsspitze mit den Leitern der Thüringer Gymnasien, für Mitte April, also unmittelbar nach den Osterferien, kündigt Baer ein Papier des Ministeriums an, in dem die Grundzüge der künftigen gymnasialen Oberstufe umrissen sein sollen. Dass sich dabei eine Rückkehr zum Klassenverband mit einem möglichst breiten Angebot an Kursen abzeichnet, ist jetzt schon klar.
Busch sieht das sehr positiv. Der Lehrerverband hat seine Position schon jetzt in die Debatte eingebracht. Danach müssen zwei Naturwissenschaften und zwei Fremdsprachen verbindlich ins Abitur eingebracht werden. Die Stundentafel muss darüber hinaus zugunsten der Grundfächer geändert werden. Das hat Auswirkungen auch auf die Stundentafel in der Sekundarstufe 1.
Weitere Folge der Entwicklung: Die Lehrpläne müssen überarbeitet werden, sie sollen entmüllt werden und der Schwerpunkt soll auf Fächer übergreifendes und Fächer verbindendes Arbeiten gelegt werden. Allerdings heißt es in dem Papier auch: „Unterricht darf nicht nur in Klassenform erteilt werden, da sonst eine einseitige Kompetenzentwicklung erfolgt, jedoch muss Flexibilität der Lernenden geschult werden.“ Individuelle Schwerpunktsetzung soll nicht auf Kosten einzelner Fächer möglich sein.
20.03.07
 20/03 2007: Der Abschied vom Schul-Kurssystem
Von Hartmut Kaczmarek
Erfurt. (tlz) Die Weichen für den Abschied vom Kurssystem an den Oberstufen der Thüringer Gymnasien sind gestellt. Thüringer Schüler sollen künftig wieder im Klassenverband zum Abitur geführt werden - allerdings wird der Unterricht flexibler sein und auch Kursangebote enthalten. Mitte April will das Kultusministerium seine konkreten Empfehlungen geben. Eins zeichnet sich jedoch jetzt schon ab: Die Wahlfreiheit an den gymnasialen Oberstufen wird eingeschränkt, Allgemeinbildung geht vor Spezialisierung, es wird mehr gemeinsamen Unterricht geben.
Das Kultusministerium hat in den vergangenen Wochen viel positive Resonanz auf die jetzt losgetretene Diskussion über die Schulreform in Thüringen erhalten. Eltern und Lehrerverbände stehen auf Seiten von Kultusminister Jens Goebel. Nur die Landesschülervertretung hat Bedenken angemeldet. "Wir wollen die Schüler in dieser Diskussion mitnehmen und ihnen die Chancen, die ein neues Modell bietet, aufzeigen," so der Sprecher von Kultusminister Goebel, Detlev Baer.
Am 27. März hat das Ministerium die Leiter aller Thüringer Gymnasien zusammengetrommelt, um mit ihnen über die weitere Entwicklung zu diskutieren. Rolf Busch, der Vorsitzende des Thüringer Lehrerverbandes, zeigte sich sehr froh, dass die Diskussion jetzt in Gang gekommen ist. Auch er ist dafür, ein Stück weit die Spezialisierung zurückzufahren.
19.03.2007 
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