26/04 2007: „XXL – Problemzone Kind?“
4. Thüringer Lehrertag des tlv: Teufelskreis zwischen Bildungsarmut, Übergewicht und Krankheit durchbrechen!
Oberhof - „Die gravierenden Folgen von Bewegungsarmut und Fehlernährung bei Kindern und Jugendlichen werden auch in Thüringen immer noch unterschätzt“, stellte der Landesvorsitzende des tlv thüringer lehrerverband Rolf Busch auf dem 4. Thüringer Lehrertag fest.
Im letzten November veranstaltete der Verband Bildung und Erziehung (VBE), dessen Landesverband der tlv ist, den Deutschen Lehrertag unter gleichem Thema in Darmstadt. Wesentliche Teile der VBE Forderungen, sind in Thüringen von den Landtagsfraktionen der SPD und der CDU aufgegriffen worden. Ein gemeinsamer Antrag wurde im Landtag eingebracht und in der letzten Woche im Bildungsausschuss behandelt. Der tlv unterstützt die Intention des Antrages. Es muss allerdings sichergestellt werden, dass hierbei den Schulen keine neuen Aufgaben übertragen werden dürfen, ohne ent-sprechende Rahmenbedingungen zu schaffen.
Bereits beim Deutschen Lehrertag standen die Ergebnisse der jüngsten Kin-dergesundheitsstudie des Robert-Koch-Instituts im Mittelpunkt. Danach haben 21 Prozent der Kinder zwischen 11 und 17 Jahren ein auffälliges Essverhalten. Fünf Prozent der Kinder in Deutschland seien fettleibig, zehn bis 15 Prozent bereits übergewichtig, wenn sie in die Schule kämen. Unter Übergewicht und Fettsucht leiden deutlich mehr Kinder und Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien und Familien mit geringerer Bildungsbeteiligung. „Viele Kinder und Jugendliche befinden sich in einem Teufelskreis, den die Schule nicht durchbrechen kann“, warnt Busch.
Die schulärztlichen Untersuchungen des Gesundheitsamtes der Stadt Erfurt lassen auf eine für Thüringen noch weniger erfreuliche Situation schließen. Danach sind in Erfurt im vergangenen Schuljahr 6,1 Prozent der Kinder bei der Einschulung adipös (fettleibig) gewesen. Dies entspricht nach der Vorgabe der statistischen Vergleichsdaten durch das Thüringer Landesverwaltungsamt einem Übergewicht von mindestens 10-12%. Bei Un-tersuchungen von Schülern in höheren Klassenstufen lag der Wert sogar mehr als dop-pelt so hoch. So waren 13,1 Prozent der Untersuchten in der 3./4. Jahrgangsstufe und 13,5 Prozent in der 8./9. Jahrgangsstufe adipös.
Diese Ergebnisse machen deutlich, dass Schule und Pädagogen allein insbesondere die sozialen Probleme von Kindern und Jugendlichen nicht ausgleichen oder gar lösen können. Als Pädagogen finden wir uns damit aber nicht einfach ab.
Vor den Teilnehmern des Thüringer Lehrertages betonte Busch, die Schule bekenne sich zu ihrer Verantwortung als ein Ort der Aufklärung über gesundheitsbewusstes Verhalten, mit Blick auf die Frage nach der Wertigkeit des Lebens. Dabei dürfe die Schule aber nicht – wie so oft - allein gelassen werden.
Konkret fordert der tlv:
- Eine ganzheitliche Bildung und Erziehung darf nicht nur die Vermittlung von Kenntnissen beinhalten. Im Zuge einer Aufklärung über gesundheitsbewusstes Verhalten müssen sich die Schülerinnen und Schüler die Frage nach der Wertigkeit für ihr Leben stellen. Schule als Stätte der Erfahrung hat Standards für die Schulverpflegung zu beachten, Regeln für die Esskultur zu vereinbaren und einzuhalten.
- Der Sportunterricht ist in vollem Umfang zu erteilen. Sport-Arbeitsgemeinschaften sind auch im Zusammenhang mit Vereinen anzubieten. Für die Schuljugendarbeit sind die notwendigen Mittel wieder zur Verfügung zu stellen. Pausenhöfe sind so zu gestalten, dass sie zur Bewegung motivieren.
- Das Mittagessen ist vom Schulträger deutlich höher zu bezuschussen, damit niemand aus finanziellen Gründen ausgeschlossen wird.
- Ein Netzwerk aus Ärzten, Kindergärten und Schulen ist unter Beteiligung der Kommunen zu bilden. Dieses kann Prävention durch Bewusstseinsbildung fördern und Problemen wirksam begegnen.
- Schulen müssen in die Lage versetzt werden, tatsächlich jedes Kind - unabhängig von seiner sozialen Herkunft - individuell fördern und fordern zu können.
- Gesundheitserziehung und Förderung von Bewegung müssen als Module in die Lehrerausbildung einbezogen werden.
Busch sprach sich gegen ein Unterrichtsfach „Ernährung“ aus, erhob aber die Forderung, an jeder Schule müsse es einen mit entsprechenden Ressourcen ausgestatteten Experten in Fragen der Ernährung geben, um die Beratung für Kinder, Jugendliche und deren Eltern zu verbessern. Weiter forderte Busch, „der Gesundheitsprävention einen höheren Stellenwert zu geben und nicht nur mit sündhaft teuren Maßnahmen für die Rehabilitation zu reagieren“.
Der Paderborner Ernährungswissenschaftler Helmut Heseker unterstrich im Hauptreferat auf dem Thüringer Lehrertag des tlv:
„Aufgrund veränderter Familienstrukturen, Lebensrhythmen und Arbeitsbedingungen findet traditionelle Ernährungserziehung und die gemeinsame Einnahme von Mahlzeiten immer weniger im Elternhaus statt. Eltern sind inzwischen auch nicht mehr die zentrale Instanz in Ernährungsfragen. Vorbilder aus Fernsehsendungen und Peergruppen beeinflussen das Essverhalten viel stärker und nachhaltiger.“
Heseker stellte die Kompetenz auf dem Gebiet der Ernährung in den Rang einer Kulturtechnik. „Kinder und Jugendliche haben ein Recht darauf, dass ihnen diese Kulturtechnik bestmöglich zugänglich gemacht und vermittelt wird.“
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