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Kompetenznetzwerk Schule


08/07 2008:
Droht dem Freistaat Lehrermangel?

 

Opposition sieht Handlungsbedarf, Regierung sieht sich gut gerüstet

Von stz-Korrespondent Georg Grünewald

 

Erfurt – Zwergenaufstand vor dem Thüringer Landtag: Die rund 15 Demonstranten sind gerade mal acht Jahre alt. „Wir wollen den Minister sehen“ skandieren sie und blasen kräftig in ihre Trillerpfeifen.

 

Es sind Schüler der Gustav-Steinacker-Grundschule Buttelstedt bei Weimar, die am Freitag nach Erfurt gefahren sind und für den Job ihrer Klassenlehrerin Stefanie Thar kämpfen. Die Elternvertretung der Schule hat dazu eine Petition im Landtag eingereicht. Frau Thar zeichne sich durch besonderes Engagement aus und sei bei den Schülern „beliebt und geschätzt“, schreiben sie und fordern ihre Weiterbeschäftigung. Denn Thars Arbeitsvertrag ist nach zwei Jahren ausgelaufen. Im kommenden Schuljahr bekommen die Buttelstedter Demonstranten einen neuen Klassenlehrer. Das sei nicht gut. „Gerade so kleine Kinder brauchen eine Bezugsperson“, meint ihre Lehrerin, Frau Thar.

 

Die Bildungspolitiker Michaele Reimann (Linke) und Hans-Jürgen Döring (SPD) stimmen ihr zu und unterstützen die Petition der Eltern. Denn letztlich geht es um ein Problem und nicht um Frau Thar. „Die bekommt Arbeit bei ihren Referenzen“, ist sich Reimann sicher. Aber Thüringen schade es, wenn der Freistaat junge Lehrerinnen wie Frau Thar ziehen lasse. Und es ist kein Einzelfall.

 

Neulehrer im Freistaat werden befristet eingestellt und Verträge der befristetet eingestellten Lehrer nicht verlängert. „Nur damit man sagen kann, man stellt ein“, schimpft Döring und wirft der Landesregierung eine Verschleierungstaktik vor. Die Junglehrer müssen unbefristet eingestellt werden, fordern Döring und Reimann. Ein Einstellungskorridor mit jährlich 200 neuen Lehrerstellen müsse geschaffen werden, hat sie die Forderung ihrer Partei konkretisiert, mit 6 Millionen Euro Mehrkosten sei das zu machen, haben ihr die Finanzer ihrer Partei ausgerechnet. In zwei bis drei Jahren werde Thüringen mit einem Lehrermangel zu kämpfen haben, warnt die Linke-Politikerin. Gerade in den Grundschulen. Weil Lehrer ausscheiden und die Schülerzahlen wieder steigen. Aber dann seien die am besten ausgebildeten Lehrer längst im Westen, befürchtet Reimann und „werden uns bitter fehlen“ – wie Stefanie Thar.

 

Aber der Freistaat stelle in diesem Jahr nur 35 Neulehrer befristet ein, davon 15 Lehramtsanwärter. Doch das Kultusministerium verteidigt die Einstellungspraxis und weist die Lehrermangel-Diagnosen energisch zurück.

 

Es sei „ganz normal, dass man auch befristet einstellt“, sagt der stellvertretende Pressesprecher Gregor Hermann. Er verweist auf das Angebot an die verbeamteten Teilzeitlehrer. Sie können, wenn sie wollen, wieder voll arbeiten.

 

Eine nicht ganz freiwillige Entscheidung. Der Zwang zur Teilzeit für die Verbeamtung stand nach einem Urteil in Brandenburg auf rechtlich wackeligen Füßen. Das Thüringer Kultusministerium beendete deshalb einen anstehenden Rechtsstreit und machte das erwähnte Angebot. Das Problem: 80 Prozent der Lehrerbeamten haben ihr Interesse bekundet. In der Summe ergibt dies rund 1160 Stellen, die den Spielraum für Neueinstellung einschränkten. Deshalb könne man statt 560 – wie im Vorjahr – nur noch 35 neue Lehrer einstellen, argumentiert Hermann.

 

Befristet. Man sei froh, dass es überhaupt gelungen sei, Lehrer neu einzustellen. Im Blick auf die Zukunft haben man die Zahl der Lehramtsanwärter von 260 auf 340 erhöht, die damit nach zwei Jahren ihre Ausbildung abgeschlossen haben und als Thüringer Lehrernachwuchs zur Verfügung stünden. Ein deutliches Signal, dass man wieder mehr junge Lehrer einstellen wolle. Hermanns Fazit: „Von Lehrermangel kann überhaupt nicht die Rede sein.“ Und auch die Lehrerversorgung sei gesichert.

 

Der Thüringer Lehrerverband (tlv) hält es in dieser Frage aber eher mit der Opposition. „Wir laufen auf einen Lehrermangel zu“, warnt tlv-Vorsitzender Rolf Busch, auch wenn es momentan für manche Fächer sogar mehr Lehrer gebe als benötigt. In Deutschland seien 60 Prozent der Lehrer älter als 50 Jahre. Pro 100 ausscheidende Lehrer stünden 60 neue bereit. Und Busch sieht mit der Föderalismusreform zusätzliche Probleme heraufziehen. Die Besoldung der Lehrer ist seitdem Ländersache. Finanzschwache Länder wie Thüringen könnten dabei den Kürzeren ziehen, befürchtet er und blickt mit Sorge nach Hessen.

 

Der Nachbarstaat hat bereits ein eigenes Internet-Portal geschaffen, um Lehrer anzuwerben. Unter www.lehrer-nach-hessen.de können sich alle informieren. Keine Befristung, höhere Tarife und Verbeamtung sofort, zählt Busch die hessischen Trümpfe auf.

 

Auch Döring würde deshalb am liebsten jetzt schon neue junge Lehrer einstellen. Auch wenn es durch die Teilzeit-Vollzeit-Wandel schwieriger geworden sei. Möglichkeiten sähe er trotzdem. 200 Schulen seien auf den Weg zu Ganztagsschulen, erinnert er. Da besteht Handlungsbedarf. In Richtung Qualitätsentwicklung können man da sehr viel tun.

 

Morgen im Plenum wird ein bildungspolitischer Schlagabtausch erwartet. Die Linke fordert von Kultusminister Bernward Müller einen Bericht zur Verbesserung der Qualität frühkindlicher und schulischer Bildung, die SPD hat einen Antrag für mehr Ganztagsschulen eingebracht und die CDU einen für die „weitere Stärkung der Eigenverantwortung an Thüringer Schulen“. Er stand schon für Freitag auf der Tagesordnung. Die Nachwuchsdemonstration war als Begleitmusik zu früh.

 

 


26/06 2008:
Lehrer-Abwerbung

Hessen lockt mit Beamtenstatus

 

Mit einer Lehrerwerbekampagne versucht Hessen den Fachkräftemangel im eigenen Land zu bekämpfen – notfalls auch auf Kosten der anderen Bundesländer.

 

Heiß begehrt: Die Bundesländer werben sich gegenseitig Lehrer ab

 

„Hauptrollen in Hessen zu vergeben“ – unter dem blauen Schriftzug stehen drei unbesetzte Regiestühle, auf deren Rückenlehnen anstelle von Namen die Begriffe „Englisch“, „Latein“, „Musik“, „Physik“, und „Chemie“ prangen. Mit dieser Werbekampagne will Hessen keine Nachwuchsdarsteller casten, sondern junge Lehrer in die unterbesetzten Schulen des Landes locken. 240 000 Euro lässt sich die Landesregierung den am 7. Juni gestarteten Werbefeldzug kosten.

 

Die „moderne Kampagne mit flankierenden Maßnahmen zur Personalgewinnung“ sei wegen des aktuellen Bedarfs „zwingend erforderlich“, heißt es aus dem hessischen Kultusministerium. Für das kommende Schuljahr sollen in Hessen rund 2600 neue Lehrer eingestellt werden. Da diese Zahl mit den eigenen Studienabgängern nur schwerlich gedeckt werden kann, wirbt Kultusminister Jürgen Banzer (CDU) ganz unverhohlen auch Pädagogen aus anderen Bundesländern. „Föderalismus bedeutet auch Wettbewerb,“ kommentiert Banzer diesen Schritt und betont die Vorzüge für Lehrer bei einer Anstellung in Hessen: Eine Verbeamtung sei bis zum 50. Lebensjahr möglich, das Haupt- und Realschullehramt werde besser als in anderen Bundesländern besoldet und zusätzlich böte Hessen den zukünftigen Angestellten volle statt nur Teilzeitstellen.

 

Bis zu 700 Euro mehr Gehalt

 

Die Reaktionen auf die massiven Abwerbeversuche aus Hessen lassen nicht lange auf sich warten: Im Nachbarland Rheinland-Pfalz sieht man bereits die jungen Pädagogen davonlaufen. Vor allem an Haupt- und Realschulen herrsche schon heute ein „eklatanter Lehrermangel“, warnte der Landesvorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung Johannes Müller (VBE). „Durch die gezielte Abwerbekampagne der hessischen Landesregierung gerade solcher Lehrkräfte mit mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern wird sich dies noch verschärfen.“

 

Nach Ansicht des VBE-Landesvorsitzenden ist das Angebot aus Hessen für Lehrer aus Rheinland-Pfalz lukrativ, da beispielsweise Hauptschullehrer eine Besoldungsstufe besser bezahlt würden. „Das macht ganz schnell 600 bis 700 Euro Unterschied auf dem Gehaltsstreifen aus.“ Der VBE forderte aus diesem Grund die rheinland-pfälzische Landesregierung zum Handeln auf. Die vor Kurzem beschlossene Anhebung der Altersgrenze zur Verbeamtung auf 45 Jahre für abwanderungswillige Lehrer reiche nicht aus. Hessen biete den Lehrern von sogenannten Mangelfächern eine Verbeamtung bis zum 50. Lebensjahr, ein höheres Gehalt und gute Aufstiegschancen. Gerade für junge Familien sei dieses Angebot attraktiv, sagte Müller. Auch das Ministerium in Rheinland-Pfalz reagierte auf die Werbeaktion aus dem Nachbarbundesland mit Kritik, warnte jedoch vor übertriebener Besorgnis. Der Erfolg solcher Kampagnen habe sich in der Vergangenheit meist in engen Grenzen gehalten.

 

Osten läuft gegen Westen “außer Konkurrenz“

 

Um einiges besorgter zeigte sich der Thüringer Lehrerverband (TLV). Vorsitzender Rolf Busch kritisierte den Wettbewerb um den Lehrernachwuchs als ruinös für sein Bundesland. Der Grund: Thüringen laufe im Vergleich zu Hessen außer Konkurrenz. Bei dem Angebot Hessens mit sofortiger Verbeamtung und Westgehalt „kann Thüringen nicht mithalten“, sagte Busch. Im kommenden Schuljahr gebe es für 100 Absolventen im Lehramt nur 35 befristete Stellen. Lehrer kritisierten in einem offenen Brief, dass das Kultusministerium die 35 Lehrer „pünktlich vor den Sommerferien wieder entlassen“ könne.

 

Die Praxis, junge Lehrer mit befristeten Verträgen abzuspeisen, ist in den vergangenen Jahren in vielen Bundesländer in die Mode gekommen. Erst kürzlich klagte eine Lehrerein gegen das Land Rheinland-Pfalz, das sie seit November 2002 beschäftigte. Allerdings hatte das Land mit der Pädagogin jeweils befristete Arbeitsverträge abgeschlossen. Als einer ihrer Verträge im Juli 2006 auslief und ein neuer Arbeitsvertrag erst zum 1. August 2006 geschlossen wurde, erhielt die Klägerin für die Sommerferien kein Gehalt. Sie hielt diese Praxis für rechtswidrig. Das Landesarbeitsgericht Rheinland- Pfalz in Mainz wies die Klage jedoch ab: Ein Lehrer, dessen befristeter Arbeitsvertrag vor den Sommerferien abläuft, hat keinen Anspruch auf Bezahlung während der Ferien. Dies gilt nach dem Richterspruch selbst dann, wenn der betroffene Lehrer nach den Ferien einen neuen Arbeitsvertrag erhält und die schulfreie Zeit genutzt hat, um sich auf den Unterricht vorzubereiten.

 


24/06 2008:
Thüringen verliert viele Junglehrer

 

Erfurt. (tlz) Thüringen wird in den nächsten Jahren der Lehrernachwuchs ausgehen. Unter den Bundesländern hat ein ruinöser Wettkampf um Pädagogen begonnen. Das Nachbarland Hessen wirbt beispielsweise um perspektivlose Thüringer Absolventen mit sofortiger Verbeamtung und 100 Prozent Westgehalt. "Da kann Thüringen nicht mithalten", bedauert der Vorsitzende des Thüringer Lehrerverbandes, Rolf Busch. "Es tut mir in der Seele weh, aber ich muss den jungen Menschen sagen: Schaut Euch woanders um."

 

Im nächsten Schuljahr bietet der Freistaat für den Lehrernachwuchs nur 35 Stellen an. Und die sind auch noch befristet. "Das bedeutet Sparen auf Kosten der Junglehrer", klagen die angehenden Pädagogen in einem Schreiben an die TLZ. Die Lehrer fordern ein rasches Umdenken im Kultusministerium, "bevor die nächste Generation bestens ausgebildeter Lehrkräfte die Einbahnstraße in Richtung 100 Prozent West passiert", heißt es in dem Appell.

 

Im Kultusministerium zeigt man zwar Verständnis für die Nöte der Junglehrer, verweist aber auf Sachzwänge. Durch die gerichtlich vorgeschriebene Umwandlung von Teilzeit- in Vollzeitbeamtenstellen hat das Land zum neuen Schuljahr etwa 1160 Stellen mehr an Arbeitskraft. "Das muss abgefedert werden", so Ministeriums-Sprecher Detlef Baer. Deshalb seien nur wenige Neueinstellungen möglich.


24/06 2008:
Landesverband: »Ruinöser Wettbewerb« um junge Lehrer

 

Erfurt (dpa/th) - Der Thüringer Lehrerverband (TLV) hat den Wettbewerb der Bundesländer um den Lehrer-Nachwuchs als ruinös kritisiert. Thüringen laufe im Vergleich zu Hessen außer Konkurrenz, sagte der TLV-Vorsitzende Rolf Busch der »Thüringischen Landeszeitung« (Dienstag).

 

Bei dem Angebot Hessens mit sofortiger Verbeamtung und Westgehalt »kann Thüringen nicht mithalten«, sagte Busch. Im kommenden Schuljahr gebe es für 100 Absolventen im Lehramt nur 35 befristete Stellen. Lehrer kritisierten in einem Brief an die die Zeitung, dass das Kultusministerium die 35 Lehrer »pünktlich vor den Sommerferien wieder entlassen werden« könne.


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Letzte Änderung: 08.07.2008 RSS    | Seite empfehlen | Druckansicht | pdf-Ansicht | Impressum