Fantasielose Milchmädchenrechnung
Ein offener Brief an Dr. Sebastian Dette, Präsident des Thüringer Rechnungshofes

Sehr geehrter Herr Dr. Dette,
es liegt in der Natur der Sache, dass Sie als Präsident des Thüringer Rechnungshofes rechnen müssen. Und mitunter kommen Sie dabei zu wirklich beeindruckenden Ergebnissen. 490 volle Lehrerstellen mehr in Thüringen, auf einen Schlag, einfach, indem man die Altersabminderungsstunden abschafft. Das klingt zu gut, um wahr zu sein – und ist es auch!

Mehr als das: Es ist eine fantasielose Milchmädchenrechnung, die Sie der Öffentlichkeit da präsentiert haben. Dazu schreiben Sie unter anderem: „Die Notwendigkeit, Lehrkräften ab dem 55. Lebensjahr diese Abminderungsstunden zu gewähren, wurde weder inhaltlich begründet noch dokumentiert.“ Dies lässt sich umgehend ändern: Wir laden Sie herzlich ein, einige unserer Schulen zu besuchen und sich ein Bild davon zu machen, wie erschöpft und ausgebrannt gerade viele ältere Kolleg/innen sind, wie viele von ihnen fehlen, weil sie bereits langzeiterkrankt sind, wie viele unter Hinnahme erheblicher finanzieller Einbußen frühzeitig aus dem Dienst ausscheiden, weil sie schlichtweg nicht mehr können.

Zwei Stunden mehr pro Woche, das wird so ein alternder Lehrer ja wohl noch schaffen, denken Sie? Aber zwei Stunden mehr bedeuten ja nicht nur zweimal 45 Minuten mehr, sondern mindestens das Doppelte, oft das Dreifache, wenn man den Aufwand für die Vorbereitung sowie für Leistungskontrollen, Korrekturen etc. miteinrechnet. Aber soweit mögen Sie dann vielleicht doch lieber nicht rechnen … Denn das würde möglicherweise das Bild stören, das Sie da von den Lehrern zu zeichnen versuchen.

Dabei können wir durchaus nachvollziehen, welchen Charme Ihre Forderung aus Sicht des Mathematikers hat: Unsere Lehrer werden immer älter, damit summieren sich die Stundenersparnisse von Jahr zu Jahr – fast fühlt man sich an das exponentielle Wachstum erinnert … Aber die Rechnung geht eben nicht auf, im Gegenteil: Am Ende, das prophezeien wir Ihnen hier und heute, wird noch mehr Unterricht ausfallen, weil noch mehr Lehrer vor Erschöpfung krank werden.

Was Sie mit Ihrer Forderung erreicht haben, ist dies: Sie haben auf maximal unsensible Weise ein fatales Signal an diejenigen Kolleg/innen gesendet, die – strukturbedingt – an vielen Schulen die Hauptlast tragen. Damit haben Sie dem Bildungswesen in Thüringen erheblich geschadet.
Aber schauen wir gemeinsam nach vorn: Es gibt durchaus Wege und Möglichkeiten, Steuergelder effizient einzusetzen und gleichzeitig eine deutliche Verbesserung der Unterrichtserfüllung zu erzielen. Genau dies haben auch wir als Interessenvertretung der Lehrer/innen im Blick, und wir sind zu konstruktiven Gesprächen darüber jederzeit bereit. Lassen Sie uns gemeinsam Fantasien für ein besseres Bildungsland Thüringen entwickeln!
Mit freundlichen Grüßen

Rolf Busch
Landesvorsitzender
tlv thüringer lehrerverband