Liebe Kolleginnen und Kollegen,

stellen Sie sich vor, es ist Schule, und keiner geht hin. Oder zumindest kein Lehrer, weil der leider gerade krank, abgeordnet oder noch gar nicht eingestellt ist. Vom Thema Unterrichtsausfall können Sie sicher genauso ein Lied singen wie Ihre Schüler und deren Eltern. Mal eine oder zwei Freistunden, noch dazu bei sommerlichen Temperaturen, machen sicher keinen unglücklich. Aber wenn aufgrund dauerhaften Personalmangels bestimmte Fächer systematisch ausfallen, wird das sehr schnell zu einem handfesten Problem.

Diese Erkenntnis scheint so langsam auch beim Kultusministerium anzukommen. Immerhin hat man dort jetzt die „Unterrichtsgarantie“ auf die Agenda gesetzt. Moment mal – Unterrichtsgarantie? Klingelt da bei Ihnen was? Richtig: Der tlv hat eine solche Unterrichtsgarantie schon im Februar 2011 gefordert. Damals hatte die Landesregierung die im Koalitionsvertrag festgelegten Einstellungszahlen quasi halbiert. Der tlv sah daraufhin die Unterrichtserfüllung gefährdet und wurde dafür belächelt. Aber leider sollten wir Recht behalten.

Eine Kleine Anfrage der Opposition an den Landtag im Juni ergab, dass zu Beginn des 2. Schulhalbjahres 2016/2017 in Thüringen der Unterrichtsausfall bei 5,5 Prozent der Sollstunden lag. Und das ist der Wert, der sich bei einer Betrachtungsweise nach den Kriterien des nach wie vor gültigen Erweiterten Monitorings ergab. Es ist daher davon auszugehen, dass die tatsächliche Zahl der nicht wie vorgesehen gehaltenen Unterrichtsstunden noch um Einiges höher ist. Dass man im Ministerium nun umzudenken beginnt, ist kein guter Wille, sondern pure Notwendigkeit: eine Notwendigkeit, auf die wir seit nunmehr sechs Jahren gebetsmühlenartig hinweisen. Allerdings müssen der Einsicht jetzt auch schleunigst entsprechende Maßnahmen folgen.

Ein erstes wichtiges Signal setzte die Landesregierung am 9. August, indem sie ankündigte, 80 der für nächstes Jahr vorgesehenen Neueinstellungen auf dieses Jahr vorzuziehen. Das ist durchaus ein sinnvoller Schritt. Damit daraus jedoch keine Milchmädchenrechnung wird, müssen diese 80 Stellen freilich wieder aufgefüllt werden – andernfalls wird das Problem nur um ein Jahr nach hinten verlagert. Der Bericht der Kommission „Zukunft Schule“ widmet ein ganzes Kapitel dem hehren Ziel der Unterrichtsgarantie. Wir werden die Landesregierung auf dem Weg dorthin gern begleiten, sofern es dabei um eine echte Entlastung für Sie alle geht. Vor allem aber bleiben wir wach und kritisch, denn es ist nicht unsere Art, den Mantel in den Wind zu hängen. Dieser dreht sich in diesen Tagen ohnehin viel zu schnell.

Ihr
Rolf Busch